Funktionaloptometrie und Sehen


Die Funktionaloptometrie ist eine Wissenschaft, die sich mit der Sinnesverarbeitung und den Zusammenhängen des Sehens – dem Sehverhalten von gesunden Augen -beschäftigt.

Sie ist ein spezielles Teilgebiet der Augenoptik / Optometrie.

 

Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Funktionsstörungen, die - wie gesagt bei gesunden Augen - aufgrund eines gestörten Sehverhaltens oder einer fehlerhaften Sehentwicklung auftreten und zu Problemen der visuellen Wahrnehmung führen (siehe unten). Dabei wird ein besonderes Sehproblem nie isoliert, sondern immer als Teil des Gesamtsystems verstanden. Deshalb steht der Mensch als Ganzes im Mittelpunkt der Betrachtung.

 

Sehen bedeutet Wahrnehmen

 

Sehen bedeutet ebenso, die Bilder, die von unseren Augen geliefert werden zu verstehen. Dazu braucht man Erfahrung. Erfahrung erhält man durch Lernen. Lernen ist abhängig von Zeit (Erfahrung zu einem bestimmten Zeitpunkt) und Raum (Umwelt).

 

Schon bei einem neugeborenen Kind arbeiten die Augen, sie liefern Bilder. Dem Kind sind diese Bilder aber noch nicht bewusst. Jedes Bild wird im Gehirn mit den Informationen der anderen Sinne verglichen und gespeichert. Es entsteht mit der Zeit ein immer größerer Vorrat an bekannten Bildern. Auf diese Weise entsteht Erfahrung.

 

Wenn die Augen ein Bild liefern, das zu unserer Erfahrung passt, nehmen wir es mit allen Informationen, die wir in er Vergangenheit gespeichert haben, wahr.

 

Wir sehen!

 

Was wir im allgemeinen Sprachgebrauch unter „Sehen" verstehen, wird in der Funktionaloptometrie als „visuelle Wahrnehmung" bezeichnet.

 

Die visuelle Wahrnehmung ist ein sehr komplexes Zusammenspiel von vielschichtigen neurophysiologischen Funktionen, die teilweise noch unzureichend erforscht sind, und deren Bedeutung uns im Alltag oft auch nicht immer bewusst ist. Das ist im Normalfall auch gar nicht notwendig. Die visuelle Wahrnehmung ist nicht isoliert von anderen Sinnen zu betrachten. Ein Beispiel dafür:

 

Wenn wir eine Orange sehen, ist ihre bildliche Vorstellung gleichzeitig auch mit dem Bewusstsein von ihrem Geschmack und dem Anfühlen ihrer Oberfläche verbunden.

 

Störungen im Verlauf der allgemeinen Entwicklung führen zu einer schlechteren Wahrnehmung als bei einem optimalen Entwicklungsverlauf. Ebenso können Störungen durch äußere Einflüsse (einschneidende Änderungen der Lebensbedingungen, besondere Ereignisse etc.) die visuelle Wahrnehmung beeinträchtigen.

Wenn Störungen in der visuellen Wahrnehmung auftreten, ist der Funktionaloptometrist der richtige Ansprechpartner.

Funktionaloptometristen messen in einer langen Prüfung (der sog. 21-Punkte-Prüfung) und ergänzenden Funktionstests nach OEP (Optometric Extension Program), wie gut die visuelle Wahrnehmung entwickelt ist. Zusätzlich wird eine umfangreiche Anamnese zur weiteren Beurteilung durchgeführt.

Wie gut die visuelle Wahrnehmung funktioniert, hängt von vier Fähigkeiten ab:

 

a) Augenbewegungen zur Klärung des eigenen Standortes: wo bin ich?
zur Orientierung, beeinflusst Gleichgewicht, Bewegung und Körperbild.

 

b) Vergenzen zur Fixation auf den Punkt des Interesses wo ist es?
zur Standortbestimmung, beeinflusst Konzentration sowie Organisation und Struktur.

 

c) Akkommodation zum Scharfstellen des betrachteten Gegenstands: was ist es?

zur Erkennung, beeinflusst das Lernen, die Identifikation.

 

d) Visualisation um sich vom Gegenstand ein Bild zu machen: wie ist es?

 

zu a) Augenbewegungen

Eine wichtige Grundlage guter visueller Leistungsfähigkeit sind gleichmäßige, fließende Augenbewegungen. Sind sie durch irgendwelche Störungen – z.B. in der kindlichen Entwicklung oder spätere störende Einflüsse – nicht entsprechend ausgeprägt, so kommt es zwangsläufig zu Defiziten in den nächsten Entwicklungsstufen. Ein für schnelles Lesen mit guter Sinnerfassung erforderliches „Einscannen" des Textes ist dadurch nicht mehr möglich.

 

Beispiele für den möglichen Seheindruck bei unzureichend koordinierten Augenbewegungen:

 

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oder:

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Ruckartige, stockende oder überschießende Augenbewegungen führen wiederum zu Defiziten in den:

 

zu b) Vergenzen

derartige Mängel lassen eine ordentliche Konvergenz/Divergenz, d.h. das exakte nach innen bzw. außen Drehen der Augen, gar nicht erst oder nur bedingt zu. Die Folge sind entsprechende Beschwerden wie schnelles Ermüden oder kurzzeitiges Doppeltsehen.

Beispiel für den möglichen – kurzzeitigen und sich ständig ändernden – Seheindruck bei unzureichender Konvergenz/Divergenz:

 

Leistungsdefizite in den Vergenzen wirken sich auch aus auf die:

 

zu c) Akkommodation

Die Einstellung der Augen auf verschiedene Entfernungen ist durch ihre Koppelung an Divergenz und Konvergenz immer auch von deren Leistungsfähigkeit abhängig. Aber auch die Akkommodation selber kann beeinträchtigt sein und sich beeinträchtigend auf die visuelle Leistungsfähigkeit auswirken. Akkommodationsschwächen sind meist gekoppelt mit einer Konvergenzschwäche. „Überakkommodation" ist häufig die Folge von Nahstress: Naharbeit über lange Zeiträume und hoher Leistungsdruck, z.B. schwieriger Lesetext oder zu komplizierte Textaufgaben.

Beispiel für den möglichen – kurzzeitigen und sich ständig ändernden – Seheindruck bei unzureichender Akkommodation:

 

zu d) Visualisation

Das „sich ein Bild machen" von den Dingen geht weit über das eigentliche Sehen hinaus. Alle anderen Sinne sind ebenso beteiligt. Ist durch eine mangelhafte visuelle Wahrnehmung z.B. das Lesen beeinträchtigt, so ist das „Vergleichsmaterial auf der Festplatte", also die erlernten Erfahrungsmuster im Gehirn, entsprechend bruchstückhaft. Die Folge ist eine reduzierte Sinnerfassung beim Lesen. Ebenso wirken sich solche Defizite z.B. beim Sport oder im Straßenverkehr aus: Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung können nicht schnell genug eingeschätzt werden. Ob Tennisspieler oder Rennfahrer, Schüler oder Informatiker – Menschen mit reduzierter visueller Leistungsfähigkeit kommen, sofern das Sehen für ihre Tätigkeit eine wichtige Rolle spielt, über ein bestimmtes Maß an Erfolg nicht hinaus.

Beispiel für den möglichen Seheindruck bei einer Fehlfunktion der Visualisation („Buchstabendreher"):

 

Wir gehen nicht in bie Schule um bie Zeit zu vertreiden
sonbern weil qas irrsinnig Sqass macht.
Die Lehrer begeistern uns jeben Tag. Alles was sie uns deidringen,ist unglaudlich spannenq. Manchmal wissen bie nochmehr als unsere Eltern.

 

Die visuelle Wahrnehmung, das „Sehen" im eigentlichen Sinn, ist das Ergebnis des Zusammenwirkens aller dieser Einzelfunktionen. Je besser jede einzelne dieser vier Fähigkeiten entwickelt ist, um so exakter funktioniert unsere visuelle Wahrnehmung.